Personalbeschaffung 2020 – neue Wege im Recruiting

Schon seit Jahren ist wieder und wieder zu lesen, wie sehr die Digitalisierung das Recruiting verändern wird. Dazu gibt es quasi regelmässig im 12-Monats-Takt neue Trends, die man unbedingt kennen muss. Mitunter war gar die Rede davon, dass der Recruiter im Personalbeschaffungsprozess der Zukunft kaum noch eine Rolle spielen wird. Aber wie steht es wirklich um die Personalbeschaffung 2020? Konnten sich die prophezeiten Recruting-Trends inzwischen überall durchsetzen? Zunächst haben sich vor allem die Kanäle geändert, über die Unternehmen ihre potenziellen Kandidaten erreichen. Doch der eigentliche Prozess zur Personalgewinnung ist im Wesentlichen gleich geblieben, jedenfalls fast. Denn 2020 hat tatsächlich zumindest einen neuen Trend hervorgebracht. Wenn auch eher unbeabsichtigt.

Was sind die modernen Instrumente der Personalbeschaffung?

Vielleicht klingt «Personalbeschaffung» etwas altbacken für das 21. Jahrhundert. Deswegen heisst es ja ganz modern «Recruiting». Gemeint ist aber dasselbe, nämlich neue Mitarbeitende zu finden. Und das möglichst schnell, passgenau und am liebsten kostengünstig. Was früher für die Personalabteilung oder den externen Personaldienstleister mühsam und zeitraubend gewesen ist, soll nun mithilfe neuer Methoden und Tools viel leichter vonstatten gehen. Da wären beispielsweise:

Active Sourcing: Kandidatendirektansprache – nicht der Bewerber kommt über eine Stellenausschreibung zum Unternehmen. Sondern das Unternehmen sucht von sich aus nach passenden Kandidaten. (Hört sich ganz danach an, was Headhunter bereits seit vielen Jahren so handhaben.)

Employer Branding: Ein Unternehmen versteht sich nicht nur als Ort zum Geldverdienen. Stattdessen wird eine Arbeitgebermarke geschaffen, wo vor allem der Cultural Fit im Fokus steht. Das soll auf Stellensuchende besonders attraktiv wirken.

Künstliche Intelligenz: Algorithmen durchforsten Kandidatenprofile und Bewerbungen. Durch semantisches Matching können sie geeignete Bewerber herausfiltern und so dem Recruiter die Vorauswahl abnehmen. Programme zur Sprach- und Gesichtserkennung machen sogar eine Persönlichkeitsanalyse möglich. (Die Datenschützer freuen sich schon.)

Social Media Recruiting: Teure Zeitungsinserate? Das war gestern! Inzwischen spricht man Bewerber dort an, wo sie viel Zeit verbringen und sich austauschen – in den sozialen Netzwerken. Zudem eine hervorrangende Plattform für die eigene Unternehmenspräsentation.

Gig Economy: Kurzfristig Personalbedarf für einzelne Aufträge, wie etwa ein Catering, decken? Über Online-Vermittlungsplattformen findet man die Gig Worker, die innert kürzester Zeit bereit stehen. Sozusagen Personalgewinnung per Klick.

Warum gibt es Probleme bei der Personalbeschaffung?

Das sind nur ein paar der vielen Recruiting Trends der letzten Jahre, die es ohne Digitalisierung so nicht gegeben hätte. Trotzdem ist die Personalbeschaffung 2020 nicht unbedingt einfacher geworden. Denn die Digitalisierung ist längst nicht so weit, wie wir glauben. Zahlreiche Unternehmen verfügen derzeit weder über die technische Ausstattung noch über das Know-how, um ihre Personalbeschaffung neu auszurichten. Außerdem mangelt es vielfach am Bewusstsein für eine strategische Personalplanung. Oftmals wird hier viel zu kurz gedacht und nur der akute Bedarf gedeckt. Etwas, was so manchem in Zeiten des demografischen Wandels und bei steigendem Fachkrãftemangel bald auf die Füsse fällt.

Nicht mehr lange und die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre gehen in Pension. Dann werden sich am Arbeitsmarkt und in den Unternehmen Lücken auftun, die die jungen Generationen kaum füllen können. Und das betrifft nicht nur die digitalen Eliten. Sondern vor allem im Pflege- und Gesundheitsbereich sowie bei den sozialen Berufen fehlt zukünftig die gut ausgebildete Fachkraft. Dadurch könnte die Personalbeschaffung zur sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen mutieren.

Wegen der aktuellen Corona-Pandemie haben viele Unternehmen ihre Pläne zur Personalbeschaffung auf Eis gelegt. Deswegen ist in den vergangenen Wochen und Monaten die Anzahl der ausgeschriebenen Stellen in der Schweiz stark zurück gegangen (➥Jobfile Newsletter April 2020). Eigentlich ist es kein Wunder, dass sich im Angesicht von Kurzarbeit und steigender Arbeitslosenzahlen der Blick in die Zukunft eingetrübt hat. Dennoch geht die schwere Lage irgendwann vorbei, weshalb man sein Personalmanagement und die Ressourcenplanung auch jetzt nicht vernachlässigen sollte.

Remote Recruiting und Remote Onboarding – wie geht das?

Und längst nicht alle Branchen hat die Krise getroffen. Beispielsweise waren Unternehmen gerade im Bereich Projektmanagement und IT auch zu Corona-Zeiten auf der Suche nach Verstärkung. Aber wie haben sie es geschafft, neues Personal zu gewinnen? Das Remote Recruiting hat es möglich gemacht. Dabei bedeutet Remote Recruiting nichts anderes, als den gesamten Personalbeschaffungsprozess aus der Ferne zu steuern. Denn dank der technischen Möglichkeiten liess sich ein persönliches Vorstellungsgespräch durch ein Videointerview ersetzen. Weil ein Videointerview ja quasi von Angesicht zu Angesicht stattfindet, kann man sich auf diese Weise ebenfalls einen guten Eindruck von seinem Gegenüber verschaffen. Ein Trend, der auf jeden Fall zukunftsfähig ist. Immerhin spart das Videointerview Reisezeit und -kosten. Außerdem erreicht man so auch Kandidaten, die sich normalerweise nicht bewerben würden, weil sie zu weit weg wohnen.

So manch einer hatte gerade den neuen Arbeitsvertrag in der Tasche, als sich plötzlich die ganze Belegschaft im Homeoffice wiederfand. Eine ungewohnte Situation – wie sollte nun die Einarbeitungsphase ablaufen und wie sollte man die neuen Kollegen kennenlernen? Jeder Personaler weiss, wie wichtig ein guter Onboardingprozess für die folgende Zusammenarbeit ist. Doch nicht nur die Personalbeschaffung funktioniert remote. Auch das Remote Onboarding ist zum neuen Schlagwort geworden. Mittels Videokonferenz, Collaboration Tools und virtuellem Office ist es vielen Unternehmen gelungen, sowohl ihren Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten als auch neue Mitarbeitende an Bord zu holen. Egal, ob Remote Recruiting oder Remote Onboarding, die Instrumente der Personalbeschaffung werden mehr und mehr aus der digitalen Welt stammen. Um so wichtiger, hier nicht den Anschluss zu verlieren.

Neue Wege im Recruiting – der Mensch im Mittelpunkt

Obwohl die Digitalisierung eine nicht mehr wegzudenkende Rolle spielt, liefert sie letzten Endes nur die Werkzeuge, um neue Mitarbeitende zu gewinnen. Jedoch steht beim gesamten Recruiting immer der Mensch im Mittelpunkt. Schließlich ist er die «Ware», um die es geht. Dementsprechend muss die Personalbeschaffung auch ein menschliches Gesicht tragen. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, wo man potenzielle Kandidaten erreicht. Immerhin sind ja nicht alle Berufsgruppen gleichermassen online-affin. Sondern viel wichtiger ist, wie man es tut. Und am Anfang eines jeden Bewerbungsprozesses steht nach wie vor die gute, alte Stellenanzeige – ganz egal auf welchen Kanälen sie geschaltet wird.

Wer viele Stellenanzeigen liest, dem fällt auf, wie gleichklingend und nichtssagend diese oftmals sind. Wenn bereits die Anzeige «von der Stange» kommt, wie steht es dann erst um das restliche Bewerbungsverfahren? Erfährt der Kandidat die nötige Aufmerksamkeit und Wertschätzung oder gleicht seine Candidate Experience (um noch einen Trendbegriff zu bemühen) der Fliessbandreise einer Flasche auf dem Weg zur Abfüllstation? Aus diesem Grund wären bereits an dieser Stelle mehr Individualität und Kreativität wünschenswert. Denn die Personalbeschaffung läuft nur rund, wenn sich das Personal auch angesprochen fühlt.

Foto: Emiliano Vittoriosi | unsplash.com

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2020-07-20T21:08:41+00:00