Candidate Experience – der Bewerber im Mittelpunkt

Die Personalbeschaffung ist, vor allem wenn es um hochqualifizierte Fachkräfte geht, mit Sicherheit nicht leichter geworden. Trotzdem liegt das nicht unbedingt daran, dass die begehrten Spezialisten wirklich so rar sind, wie eine Oase in der Wüste. Stattdessen stellen sich Unternehmen bei der Bewerbersuche oft genug selbst ein Bein. Denn vielfach ist schon das Bewerbungsverfahren so gestaltet, dass es wenig ansprechend wirkt und Kandidaten ratlos zurück lässt. Doch gerade die Candidate Experience spielt eine wichtige Rolle – nicht nur für den einzelnen Bewerber. Auch Unternehmen sollten sich dafür interessieren, wie das Bewerbungsverfahren erlebt wird. Und das gilt keineswegs bloss für die heiss umkämpften Top-Talente.

Was bedeutet Candidate Experience?

Die Candidate Experience – zu deutsch: Bewerbererfahrung – beschreibt, wie der gesamte Recruiting-Prozess auf die Kandidaten wirkt. Das beginnt bei der Stellenanzeige und endet beim Absageschreiben oder im besten Falle mit dem Onboarding im neuen Job. Dabei vergleicht man den Ablauf des Bewerbungsverfahrens gerne mit einer Reise – der Candidate Journey. Und wer auf Reisen geht, der will was erleben und zwar möglichst etwas Positives. Aber wie steht es tatsächlich um die Kandidatenreise? Wie gestalten Unternehmen heutzutage ihr Recruiting und wie kommt das auf Bewerberseite an?

Wenn man einen Blick in die Arbeitsmarktstudie 2019 von JobCloud.ch wirft, scheint die Reise für viele Bewerber bereits kurz nach dem Aufbruch im Nirwana zu enden. Immerhin bekommt gut die Hälfte der Befragten noch nicht einmal eine Antwort auf eine abgeschickte Bewerbung. Das fühlt sich beinahe an, als ob man hungrig im Restaurant sitzt, eine Bestellung aufgibt und dann vergeblich aufs Essen wartet. Außerdem in der Kritik: Falls dann doch wenigstens eine Absage kommt, stammt die meist von der Stange. So etwas hinterlässt Fragezeichen und einen faden Beigeschmack beim Jobsuchenden und wirft kein gutes Licht auf das Unternehmen.

Deswegen erscheint es kaum verwunderlich, dass Bewerber den Spiess inzwischen gerne mal umdrehen. Denn es passiert nämlich auch manchem Unternehmen, dass der Wunschkandidat einfach abtaucht und nichts mehr von sich hören lässt. Dieses sogenannte «Ghosting» wiederum sorgt bei den Unternehmen für Kopfschütteln. Aber wer weiss, vielleicht sind die ja selbst daran schuld? Möglicherweise ist der Bewerber auf die eine oder andere Arbeitgeberbewertung gestossen und zieht sich lieber zurück?

Warum ist eine gute Candidate Experience wichtig?

Bestimmt kennt jeder das Sprichwort «Ein gebranntes Kind scheut das Feuer». Diese Aussage kann man ohne weiteres auf eine schlechte Candidate Experience übertragen. Kurzum, jemand, dessen Bewerbungsverfahren nicht gut gelaufen ist, versucht es kein zweites Mal, selbst wenn dann der Traumjob winkt. Oder er entscheidet sich am Ende trotz Zusage gegen die Stelle. Heutzutage ist es dank Internet leichter denn je, seine Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen. Und so finden sich zahlreiche Beispiele für eine negative Candidate Experience auf den einschlägigen Arbeitgeberbewertungsplattformen. Auf diese Weise verlieren Unternehmen nicht nur diesen einen Kandidaten, sondern eventuell auch andere, die sich an solchen Bewertungen orientieren.

Hinzu kommt, dass man aus dem Umgang mit Bewerbern Rückschlüsse auf die Unternehmenskultur ziehen kann. Wenn denen schon wenig Wertschätzung entgegengebracht wird, wie steht es dann insgesamt um das Miteinander am Arbeitsplatz? Dabei geht es vor allem den jüngeren Generationen nicht mehr nur ums Geldverdienen. Sondern sie wollen sich in ihrem Job wohlfühlen, sich mit ihrer Arbeit und ihrem Unternehmen identifizieren. Nicht umsonst ist Employer Branding eines der Schlagworte im Zusammenhang mit Recruiting und Mitarbeiterbindung. Allerdings verliert so eine Arbeitgebermarke schnell an Glanz, falls bereits der Bewerbungsprozess Zweifel aufkommen lässt. Eine schlechte Reputation aber schadet dem Unternehmen und kommt letztlich auch bei Kunden und Geschäftspartnern nicht gut an.

Der Bewerber an erster Stelle – vom Kundenservice lernen

Mit Hardselling Profit um jeden Preis machen ohne auf die Kundenwünsche zu achten? Das war einmal. Inzwischen haben Vertriebsorganisationen und Dienstleister erkannt, dass sie ihren Kunden vor allem gute Erfahrungen und einen exzellenten Service bieten müssen. Der Kunde ist König – und der Bewerber ein Bettelmann? Mitnichten! Denn wer auf Jobsuche ist, bewirbt sich meist auf mehrere Angebote. Den Zuschlag bekommt der Arbeitgeber, der am besten zu den Vorstellungen des Bewerbers passt. Die Weichen, um festzustellen, ob es passt, werden im Bewerbungsprozess gestellt.

Hier vermittelt die Stellenanzeige den ersten Eindruck und bereits an diesem Punkt kann sich ein Unternehmen profilieren. Eine Stellenanzeige muss zur Zielgruppe passen. Auf jeden Fall kommen Standardfloskeln, unverständliche Jobbezeichnungen und ein ellenlanges Anforderungsprofil nicht gut an.

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Aber auch die Art und Weise, wie Bewerberunterlagen übermittelt werden können, haben Einfluss auf die Candidate Experience. Hier gilt, es sollte verschiedene Alternativem geben sowie möglichst schnell und einfach gehen. Niemand mag sich durch zig Unterseiten klicken, um zu einem Formular zu gelangen oder gar extra einen Account anlegen müssen. Dazu sollten die Bewerber einen festen Ansprechpartner für Rückfragen haben, vergleichbar mit dem persönlichen Kundenberater.

Genauso wenig wollen Kandidaten monatelang «in der Luft hängen», um zu erfahren, ob es klappt oder um eben gar nichts mehr zu hören. Wer sich als Arbeitgeber für den Eingang von Unterlagen bedankt und Angaben macht, wann etwa mit einer Antwort zu rechnen ist, kann damit beim Bewerber punkten. Selbst wenn es schwerfällt, auch jeder Bewerber, der nicht in Frage kommt, verdient eine Nachricht.

Dem Bewerbungsverfahren eine persönliche Note geben

All das kostet natürlich Zeit und personelle Ressourcen. Besonders grössere Unternehmen kommen wegen der höheren Anzahl ihrer Vakanzen kaum noch um ein professionelles Bewerbermanagement herum. Dabei erleichtern Tools die Steuerung und Verwaltung der Bewerbungsverfahren sicher ungemein. Die automatisch versandte Eingangsbestätigung, das Vorsortieren von Unterlagen und die vereinfachte Datenerfassung – all das kann für einen schnelleren Ablauf im Recruiting-Prozess sorgen. Gerade die oftmals ewig erscheinende Besetzungsdauer wirkt sich negativ auf die Candidate Experience aus.

Doch eine wirklich gute Candidate Experience lebt vor allem von einer persönlichen Note. Denn das zeugt davon, dass das Unternehmen den Bewerber als Individuum wahrnimmt. Dass es sich für dessen Belange interessiert und ihm mit Wertschätzung und Respekt begegnet. Auch wenn es mit dem Job nicht klappt, verbleibt ein positiver Eindruck, der sich dann in einem entsprechenden Feedback niederschlagen kann. Übrigens ist es aus Unternehmersicht empfehlenswert, am Ende des Bewerbungsverfahrens ein Feedback zu erbitten. Damit lässt sich nicht nur die eigene Aussenwirkung messen. Sondern man erkennt genauso gut, wo es gegebenenfalls Verbesserungsbedarf gibt.

Foto: James Lee | unsplash.com

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2021-09-02T20:37:40+00:00