Fachkräftemangel Schweiz – echt oder Unsinn?

Der Schweizer Arbeitsmarkt ist ständig in Bewegung. Tagtäglich findet man neue Jobangebote in den Printmedien, auf Online-Jobbörsen und bei den RAV. Was können uns diese Stellenanzeigen verraten? Zunächst einmal, wo es Vakanzen gibt und welche Branchen besonders auf der Suche sind. Fast 800.000 Job-Inserate wurden allein im ersten Halbjahr 2020 veröffentlicht – eine beachtliche Menge. Aber ist das schon der vielbeschworene Fachkräftemangel, auf den die Schweiz zusteuert, wie man immer wieder lesen kann? Was bedeutet Fachkräftemangel konkret? Gibt es ihn wirklich und wenn ja, wer ist besonders davon betroffen und welche Ursachen hat er?

Definition: Was bedeutet Fachkräftemangel?

Die Anforderungen an einen Job fallen ganz unterschiedlich aus. Einerseits existieren Tätigkeiten, die einfach gelagert sind und wenig spezifisches Wissen erfordern. Auf der anderen Seite stehen Berufe, für die man umfassende, handfeste Fachkenntnisse braucht. Um diese Berufe ausüben zu können, ist eine entsprechende Qualifikation Voraussetzung. Wenn Unternehmen Schwierigkeiten haben, für solche Vakanzen ausreichend qualifizierte Mitarbeitende zu finden, ist die Rede vom Fachkräftemangel. Woran lässt sich nun festmachen, ob ein solcher Mangel herrscht? Ein Blick auf die Situation am Stellenmarkt anhand der geschalteten Anzeigen liefert tatsächlich einige Indizien.

Welches sind die meistgesuchten Berufsgruppen?

Denn die Jobangebote sind nicht gleichmässig über alle Branchen verteilt. In der Schweiz gab es in den ersten beiden Quartalen 2020 vor allem 5 Berufsgruppen, bei denen ein besonders hoher Bedarf an Mitarbeitenden besteht.

Top 5 Berufsgruppen Schweiz 2020

Top 5-Berufsgruppen: Anzahl ausgeschriebener Stellen in der Schweiz im ersten Halbjahr 2020
Quellen: 90 Jobbörsen, 21 Print-Medien, RAV

Vom 01.01.2020 bis 30.06.2020 haben 56.372 verschiedene Unternehmen in der Schweiz 765.099 offene Positionen ausgeschrieben. Insgesamt wurden hierzu 1.29 Mio Stellenanzeigen in den unterschiedlichsten Medien geschaltet, gut die Hälfte davon durch Personaldienstleister. Das Investment in die Stellenanzeigen betrug dabei 251.63 Mio CHF. Den höchsten Personalbedarf verzeichnen das Bauwesen, das Handwerk und der Bereich technische Berufe. Hier waren vor allem Ingenieure, Konstrukteure und Architekten gefragt.

Zwar kann man daraus einen Fachkräftemangel nicht unmittelbar ableiten. Aber verschiedene andere Untersuchungen und Statistiken (u.a. ↗ C. Wunsch, M. Buchmann in «Die Volkswirtschaft», 2019) machen deutlich, dass viele Unternehmen Probleme bei der Stellenbesetzung haben. Betroffen sind vor allem genau jene 5 Top-Berufsgruppen bei Berufen, die eine mittlere bis hohe Qualifikation erfordern.

Welche Ursachen hat der Fachkräftemangel?

Weshalb bereits jetzt Fachkräfte in der Schweiz fehlen und sich dieser Effekt in Zukunft noch verstärken wird, hat mehrere Ursachen. Ein wesentlicher Grund ist der demografische Wandel. Der Altersdurchschnitt der Schweizer Bevölkerung wächst stetig. Seit den sogenannten «Babyboomer-Jahren» sind die Geburtenraten gesunken. Die geburtenstarken Jahrgänge aber gehen nach und nach in die Pensionierung. Das bedeutet, dass schon innert der nächsten Jahre mehr Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, als neu in den Beruf einsteigen. Dieser Effekt wird eine große Lücke auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen.

Außerdem verliert die klassische Berufslehre, insbesondere im Bereich Handwerk, an Attraktivität. Junge Leute entscheiden sich mehr und mehr für ein (Fach-) Hochschulstudium, weil sie sich dadurch bessere Chancen versprechen. Und es zieht sie wegen der besseren Infrastruktur in die grösseren Städte und Ballungszentren. Diese «Landflucht» wiederum bedingt eine Art geografischen Fachkräftemangel. Hinzu kommt, dass die Schweiz zwar ein Einwanderungsland ist, viele ausländische Berufsabschlüsse jedoch hierzulande nicht ohne weiteres anerkannt werden. Damit ist die Möglichkeit, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren, ebenfalls eingeschränkt.

Wo wiegt der Fachkräftemangel besonders schwer?

Automatisierung und Digitalisierung haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Wandel in der Arbeitswelt geführt. Die Notwendigkeit, menschliche Arbeitskräfte einzusetzen, ist nicht mehr überall voll und ganz gegeben. Im produzierenden Gewerbe beispielsweise sind viele Stellen weggefallen. Auf der anderen Seite entstehen immer neue Trendberufe und die Wünsche und Anforderungen der Mitarbeitenden im Hinblick auf den Job ändern sich. So zieht es Bewerber eben dorthin, wo sie die besten Voraussetzungen finden. Oftmals sind das die grossen Konzerne, die mit mehr Gehalt, mit guten Karrierechancen und als «Place to be» locken.

Der Fachkräftemangel trifft damit gerade kleinere und mittlere Unternehmen besonders schwer. Wie sollen sie mit den Branchenriesen mithalten können, schon allein in finanzieller Hinsicht? Wenn es einen Mangel an ausreichend qualifizierten Bewerbern gibt, wächst der Wettbewerb um diese. Das hat nicht selten zur Folge, dass sich die Lohnspirale nach oben dreht. Darüber hinaus dauert es wesentlich länger, bis eine Stelle neu besetzt werden kann. Fehlen aber dringend benötigte Arbeitskräfte, hat das Auswirkungen auf Arbeitsabläufe und schliesslich auf die Umsätze.

Nicht zuletzt kostet auch das Recruiting selbst bares Geld und Zeit. Es muss vermehrt in Stellenanzeigen investiert werden, um auf die Vakanzen aufmerksam zu machen. Und es braucht personelle Ressourcen für die Bewerbersuche, was gerade in einem kleineren Betrieb zu Lasten der Kernaufgaben gehen kann. Ein weiteres Problem ist, dass solche Unternehmen oft wenig bekannt sind und sie die begehrten Fachkräfte deshalb erst gar nicht erreichen.

➥ Europa im Fokus: Wie hat sich die Corona-Pandemie auf das Jobangebot und den Fachkräftemangel in Deutschland ausgewirkt?

Wie kann man dem Fachkräftemangel in der Schweiz begegnen?

Im europäischen Vergleich ist der Fachkräftemangel in der Schweiz noch nicht so gravierend, wie in einigen Nachbarländern. Trotzdem wird die Zukunft neue Herausforderungen mit sich bringen. Um diesen zu begegnen, müssen schon heute Weichen gestellt werden. Ein Schlüssel hierzu ist die strategische Personalplanung. Dazu können verschiedene Massnahmen gehören, wie etwa:

  • Altersstrukturanalyse

    Welche Mitarbeitenden werden wann pensioniert? Ist es zwingend erforderlich, die dann frei werdende Stelle wieder neu zu besetzen? Wenn ja, wer kann diese Aufgabe übernehmen? Besteht die Möglichkeit, eine Nachfolgeregelung, beispielsweise durch eine Beförderung, intern zu treffen?

  • Ausbildung

    Bildet das Unternehmen selbst aus? Falls nicht, besteht die Möglichkeit dazu? Mit welchen Mitteln kann man Lehrlinge und Absolventen für sich gewinnen? Wie können diese besonders gefördert werden?

  • Weiterbildung

    Welches Potenzial gibt es in der eigenen Belegschaft? Können sich Mitarbeitende für neue Aufgaben qualifizieren? Welche Fähigkeiten sind in Zukunft besonders wichtig und sollten geschult werden?

Gerade im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung wird die ältere Generation zu einer interessanten Zielgruppe. Es besteht nämlich durchaus die Option, Mitarbeitende auch nach der Pensionierung weiter zu beschäftigen und dadurch weiterhin von ihrem Fachwissen zu profitieren. Ein Generationenmix im Team schafft ebenfalls gute Voraussetzungen für einen Wissenstransfer. Die Älteren können ihre Erfahrungen weitergeben und die Jüngeren neue Techniken und Methoden vermitteln.

Fachkräfte ansprechen und ans Unternehmen binden

Um sich gegen die grossen Konkurrenten und gegen den Fachkräftemangel zu behaupten, müssen sich kleinere und mittlere Betriebe als attraktive Arbeitgeber positionieren. Nur so können sie geeignete Kandidaten ansprechen und langfristig im Unternehmen halten. Das Employer Branding – die eigene Arbeitgebermarke – spielt hier die entscheidende Rolle. Warum lohnt es sich, gerade in diesem Unternehmen zu arbeiten? Was bieten wir unseren Mitarbeitenden und was macht uns einzigartig bzw. hebt uns vom Wettbewerb ab? Diese Informationen müssen die potenziellen Kandidaten aber auch erreichen. Spezialisierte Jobbörsen, regionale Stellenmärkte, Messen, das Social Web, berufliche Netzwerke, die eigene Webseite und aussagekräftige Stellenanzeigen sind wichtige Medien, um sich zu präsentieren.

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Fazit: Der Fachkräftemangel wird nicht nur durch äussere Faktoren beeinflusst, manchmal ist er hausgemacht. Wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen, wenn es keine vernünftige Personalplanung gibt oder wenn ein Unternehmen nicht weiss, wo geeignete Bewerber zu finden sind, verwundert es kaum, dass über kurz oder lang ein Fachkräftemangel droht. Aber das sind Punkte, die jedes Unternehmen selbst in der Hand hat.

Foto: ThisisEngineering RAEng | unsplash.com

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2021-02-15T22:06:49+00:00